{"id":167,"date":"2015-02-22T17:10:53","date_gmt":"2015-02-22T17:10:53","guid":{"rendered":"https:\/\/strickwaerme.w3rkhof.ch\/wp\/?p=167"},"modified":"2019-08-31T23:39:11","modified_gmt":"2019-08-31T23:39:11","slug":"bericht-aus-jordanien","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/togetherhuman.org\/en\/2015\/02\/bericht-aus-jordanien\/","title":{"rendered":"Report from Jordan"},"content":{"rendered":"
Was bedeutet es, jetzt nach Jordanien zu reisen? Man hat keine Wartezeiten bei der Gep\u00e4ckaufgabe und definitiv kein Gedr\u00e4nge vor dem Gate; wir sind gerade einmal 15 Reisende. Und trotzdem, man braucht viel Geduld. Das Flugzeug kann aufgrund des Schneesturms nicht starten. Nein, hier in Z\u00fcrich f\u00e4llt gerade kein Schnee, aber in Amman. Als ich mit einer dreist\u00fcndigen Versp\u00e4tung dann endlich in der Luft bin, merke ich, wie ersch\u00f6pft ich eigentlich bin. Innert so kurzer Zeit eine solche Menge Stricksachen zu verpacken, den Transport zu organisieren, den unz\u00e4hligen Nachfragen nachzugehen und einen Verein zu gr\u00fcnden, war hektisch. Und dies neben Arbeit und Studium. Ohne so viele helfende H\u00e4nde und geniale Vereinsmitglieder unseres Vereins StrickW\u00e4rme ein Ding der Unm\u00f6glichkeit.<\/p>\n\n\n\n
Erst kurz vor der Landung wache ich wieder auf. Ich denke, es geschafft zu haben, als ich mit einem L\u00e4cheln den Zoll kurz vor Mitternacht durchquere. Doch dann stellen sich pl\u00f6tzlich Zollbeamte in den Weg und wollen wissen, was in den Boxen ist. Als sich vor ihnen unz\u00e4hlige wundersch\u00f6ne Stricksachen t\u00fcrmen, beginnt mein Herz zu rasen. Ich bin mir bewusst, dass ich die Sachen verzollen m\u00fcsste. Den Zollpreis kann ich um die H\u00e4lfte reduzieren. Wahrscheinlich lag es an meinem total eingerosteten Arabisch mit Schweizerakzent – die Zollbeamten grinsen und helfen mir sogar, die Boxen rauszutragen.<\/p>\n\n\n\n
In der Empfangshalle werde ich herzlich von Anna und Christoph, meinen Gastgebern hier in Jordanien, von der Schweizer Stiftung NOIVA begr\u00fcsst. Ich habe Gl\u00fcck. Ohne Flugversp\u00e4tung h\u00e4tte ich die erste Nacht im Flughafenhotel verbracht. Bei Schnee und Eis darf auf den jordanischen Strassen nicht gefahren werden. Eigentlich kein Wunder, denn Winterpneus und Salzstreumaschinen trifft man hier nicht an.<\/p>\n\n\n\n
Die Frau und die Kinder von Christoph schlafen schon und auch wir verabschieden uns bald. Sie haben mir liebevoll eine Schlafecke im Salon eingerichtet. Doch nach kurzer Zeit wache ich auf. Es ist bitterkalt und ich muss an die zahlreichen Fl\u00fcchtlinge denken, die nicht weit von mir in Zelten oder in kaum beheizten R\u00e4umen ausharren m\u00fcssen.<\/p>\n\n\n\n
Ich habe den Luxus, mich mit mehr Decken einzuwickeln und den Radiator als R\u00fcckenw\u00e4rmer zu verwenden.<\/p>\n\n\n\n
Am Morgen werde ich durch Kinderlachen geweckt und auch von Rebekka und ihren Kindern werde ich so begr\u00fcsst, als w\u00fcrden wir uns schon lange kennen.
Nach einer kurzen Besprechung machen wir uns mit dem Spendengeld f\u00fcr die Esspakete und den Stricksachen um 10 Uhr auf den Weg nach Mafraq. In dieser rund 40 Minuten entfernten Stadt in der N\u00e4he der syrischen Grenze leben mehr Fl\u00fcchtlinge als Jordanier.<\/p>\n\n\n\n
Die erste Station ist ein Supermarkt, um die Essenspakete zusammenzustellen. Dort treffen wir auch auf Basil, ein Jordanier in meinem Alter, der uns beim \u00dcbersetzen hilft. Er begleitet das Team von NOIVA schon seit l\u00e4ngerem ehrenamtlich auf Hausbesuchen.<\/p>\n\n\n\n
Der erste Besuch findet bei einer achtk\u00f6pfigen syrischen Fl\u00fcchtlingsfamilie statt. Wir werden herzlich begr\u00fcsst. Sie haben eine blinde Tochter und einen geistig behinderten Jungen. Doch wie sich alle um diese k\u00fcmmern, ist r\u00fchrend. Man merkt, sie haben durch den Krieg alles verloren. Sie leben in zwei kahlen Betonr\u00e4umen. Es ist kalt und ich behalte meine Jacke an. Es ist spannend und schockierend zugleich, wie sie von ihrem Schicksal berichten. In das Zaatari Camp (dem offiziellen Fl\u00fcchtlingscamp) wollen sie nicht; es sei wie ein Gef\u00e4ngnis, es gebe Konflikte und es sei \u00fcberf\u00fcllt. Seit ich bei der Hinfahrt dieses enorme Zeltlager gesehen habe, kann ich sie nur zugut verstehen.<\/p>\n\n\n\n
Als Basil ihnen auf Arabisch erkl\u00e4rt, was ich ihnen Spezielles mitgebracht habe, sieht man ihnen die Freude an. Besonders die Kinder zeigen grosses Interesse an den bunten und v\u00f6llig unterschiedlichen M\u00fctzen. Es wird viel gelacht, anprobiert und unz\u00e4hlige Male Danke gesagt.<\/p>\n\n\n\n
Anna und Rebekka singen noch mit ihnen und zum Abschluss gibt es noch ein Gebet. Mit einem lachenden und weinenden Auge verlasse ich das Haus.
Draussen warten um die dreissig Fl\u00fcchtlinge, welche auch dringend unsere Hilfe ben\u00f6tigen w\u00fcrden. Doch wir m\u00fcssen weiter. Wir hetzen ins Auto und hoffen, dass sie verstehen, dass wir gerne helfen w\u00fcrden. Hier wahllos M\u00fctzen zu verteilen, w\u00fcrde eskalieren. Das merke ich schnell.<\/p>\n\n\n\n
Der Tag verl\u00e4uft weiter so. Wir besuchen syrische Fl\u00fcchtlingsfamilien, aber unter anderem auch eine jordanische Witwe. Denn auch sie lebt am Existenzminimum – umso mehr seit dem Ausbruch des Krieges in Syrien. Denn man stellt sich vor, in die Schweiz kommen innerhalb kurzer Zeit \u00fcber 700’000 Fl\u00fcchtlinge. Das w\u00e4re ungef\u00e4hr das Verh\u00e4ltnis wie in Jordanien. Dies f\u00fchrt zum massiven Anstieg von Miet- und Nahrungsmittelpreisen. Zudem kommen das Schulsystem und die Infrastruktur an seine Grenzen.<\/p>\n\n\n\n
Um 18 Uhr machen wir uns auf den R\u00fcckweg nach Amman. Anna und Rebekka fragen mich, wie ich den Tag erlebt habe. Dies in Worte zu fassen ist schwierig. Ich habe Menschen getroffen, die traumatisiert sind, angeschossen wurden, junge Menschen in meinem Alter, die weder arbeiten noch in die Schule gehen k\u00f6nnen, Eltern, welche den Kindern nicht das geben k\u00f6nnen, was sie wollen, etc. Dennoch, trotz der Trostlosigkeit, der Armut und dem Leid \u00fcberwiegen die positiven Erlebnisse. Ich konnte mit den Fl\u00fcchtlingen lachen, sp\u00fcrte, dass sie sich ab den Esspaketen und den Stricksachen freuten und dass sie wissen, dass es Menschen gibt, die an sie denken.<\/p>\n\n\n\n
Nach einem tollen Gespr\u00e4ch mit meinen Gastgebern und einem leckeren Essen sitze ich nun neben dem warmen Gasofen und weiss, dass sich die Hektik, der Schlafmangel und den Verzicht auf Freizeit in den letzten zwei Monaten mehr als gelohnt hat. Gute Nacht zusammen- morgen steht viel auf dem Programm.<\/p>","protected":false},"excerpt":{"rendered":"
Samstag, 21. Februar 2015 Was bedeutet es, jetzt nach Jordanien zu reisen? Man hat keine Wartezeiten bei der Gep\u00e4ckaufgabe und definitiv kein Gedr\u00e4nge vor dem Gate; wir sind gerade einmal 15 Reisende. Und trotzdem, man braucht viel Geduld. Das Flugzeug kann aufgrund des Schneesturms nicht starten. Nein, hier in Z\u00fcrich f\u00e4llt gerade kein Schnee, aber […]<\/p>","protected":false},"author":7,"featured_media":2907,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"_monsterinsights_skip_tracking":false,"_monsterinsights_sitenote_active":false,"_monsterinsights_sitenote_note":"","_monsterinsights_sitenote_category":0,"_genesis_hide_title":false,"_genesis_hide_breadcrumbs":false,"_genesis_hide_singular_image":false,"_genesis_hide_footer_widgets":false,"_genesis_custom_body_class":"","_genesis_custom_post_class":"","_genesis_layout":"","ngg_post_thumbnail":0,"_jetpack_memberships_contains_paid_content":false,"footnotes":""},"categories":[4,9],"tags":[],"class_list":{"0":"post-167","1":"post","2":"type-post","3":"status-publish","4":"format-standard","5":"has-post-thumbnail","7":"category-direkthilfe","8":"category-stricken","9":"entry"},"aioseo_notices":[],"featured_image_src":"https:\/\/togetherhuman.org\/wp-content\/uploads\/2019\/08\/irak2015-1600x900-600x400.jpg","featured_image_src_square":"https:\/\/togetherhuman.org\/wp-content\/uploads\/2019\/08\/irak2015-1600x900-600x600.jpg","author_info":{"display_name":"Strickwaerme","author_link":"https:\/\/togetherhuman.org\/en\/author\/strickwaerme\/"},"jetpack_featured_media_url":"https:\/\/togetherhuman.org\/wp-content\/uploads\/2019\/08\/irak2015-1600x900.jpg","jetpack_sharing_enabled":true,"jetpack_shortlink":"https:\/\/wp.me\/pb9KZi-2H","_links":{"self":[{"href":"https:\/\/togetherhuman.org\/en\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/167","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/togetherhuman.org\/en\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/togetherhuman.org\/en\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/togetherhuman.org\/en\/wp-json\/wp\/v2\/users\/7"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/togetherhuman.org\/en\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=167"}],"version-history":[{"count":1,"href":"https:\/\/togetherhuman.org\/en\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/167\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":3364,"href":"https:\/\/togetherhuman.org\/en\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/167\/revisions\/3364"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/togetherhuman.org\/en\/wp-json\/wp\/v2\/media\/2907"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/togetherhuman.org\/en\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=167"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/togetherhuman.org\/en\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=167"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/togetherhuman.org\/en\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=167"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}